Es ist ein nebliger und verregneter Sonntagnachmittag im Januar, ich sitze in meinem Arbeitszimmer, lausche der großartigen Musik von Black Rebel Motorcycle Club und lasse den Besuch bei 877 Workshop in Hamburg revuepassieren. Kurz habe ich überlegt etwas Anderes aufzulegen, aber etwas Anderes würde nicht passen. Es muss das raue und ungeschliffene von BRMC sein, denn Sylvia und Daniel von 877 Workshop machen Accessoires für Männer – Accessoires mit einem ebenso einzigartigen, rauen und ungeschliffenen Charakter wie die Musik von BRMC.

Inzwischen ist es schon gut fünf Monate her, dass ich die beiden im August in Hamburg besucht habe. Der Artikel ist längst überfällig, doch irgendwie ist immer etwas dazwischengekommen und ich habe nie die Ruhe gefunden mir dafür Zeit zu nehmen. Gut, in letzter Zeit ist sehr viel passiert und die Zeit war tatsächlich mehr als knapp. Aber wenn ich es mir recht überlege war ein Grund dafür auch, zumindest unterbewusst, dass ich von vorne herein wusste, dass ich mit diesem Artikel den beiden und ihren Produkten vermutlich nicht gerecht werden kann.

Bereits vor meinem Besuch bei Sylvia und Daniel wusste ich, dass sie sehr viel Zeit in jedes ihrer Stücke investieren. Wie viele Arbeitsschritte und Detailarbeit aber allein in einer kleinen Niete, einem Knopf, geschweige denn in einer Gürtelschnalle stecken… Ich hatte ja keine Ahnung!!!

Bei meinem relativ kurzfristigen Besuch, bei dem ich eigentlich nur auf der Durchreise war, durfte ich zwei sehr nette Menschen kennlernen, die sich sehr viel Zeit genommen haben um mir alles im Detail zu erklären. Man merkt sofort wie sehr die beiden von ihrer Arbeit begeistert sind und wie sehr sie das lieben, was sie tun. Wir sind sofort nett ins Gespräch gekommen und haben viel über alte Handwerkskunst, ihre Besuche bei alten Meistern und den Entwicklungen in der „Craft-Szene“ gesprochen.

Die beiden sind begeistert von alten und fast vergessenen Arbeitstechniken und kombinieren diese mit modernen und frischen Designs. Das Tolle daran ist, dass sie gar nicht versuchen alles industriell perfekt zu machen – jedes Accessoire ist ein kleines Unikat und die Einzigartigkeit ein Teil ihrer Philosophie. So hat jedes Stück verwendete Leder seine ganz eigene Farbe, Struktur, Falten oder gar Narben. Jedes Stück Metall hat seine eigenen Bearbeitungsspuren und nicht selten kommt es vor, dass das ein oder andere Stück auch etwas windschief ist. Aber das ist gewollt und genau das macht die Kreationen der Beiden so besonders. Keines gleicht exakt dem Anderen, alles hat seinen eigenen Charakter. Handwerk und Handarbeit sind eben selten perfekt und sollen es auch nicht sein. Man erschafft schließlich etwas durch Hingabe und Menschenhände und nicht durch Roboterarme – und das soll man gefälligst auch sehen!

Sylvia und Daniel fertigen auf alten Maschinen Gürtel, Armbänder, Schlüsselanhänger, Siegelringe und vieles mehr. Wenn Mann bisher nicht wusste, dass er Accessoires benötigt – sobald Mann sich etwas näher mit den Produkten von 877 Workshop beschäftigt weiß Mann es! Ich war mir bisher definitiv sicher, weder ein Armband noch eine Markttasche zu benötigen – aber so kann man sich täuschen!

Egal ob Verschlüsse, Gürtelschnallen oder Nieten, alle Metallteile sind handgefertigt. Die Stücke werden teilweise auf Maschinen hergestellt, die als Museumsleihgaben zur Verfügung gestellt werden und die, diese Herstellungsweise erst möglich machen. So wird diesen alten, ehrwürdigen Maschinen, wie der Drehbank von 1928 oder der, dagegen fast schon neuen Graviermaschine aus den 1960ern, wieder eine Aufgabe gegeben und die Stücke werden zu etwas ganz Besonderem.

Bei Sylvia und Daniel kann man sich darauf verlassen, dass alles handgemacht ist. Die Gürtelschnallen werden nicht im Großhandel bestellt, sondern werden mühevoll nach einer Jahrzehnte alten Methode einzeln in einer Sandform gegossen, wobei für jede Schnalle eine neue Form hergestellt werden muss. So ist es selbstverständlich, dass die Lieferanten, der Teile, die hinzugekauft werden müssen, den selben hohen Ansprüchen gerecht werden müssen und die Materialien fast ausschließlich von Lieferanten aus Deutschland stammen. Das pflanzlich gegerbte Leder beispielsweise, wird einzeln ausgesucht und ist nur in geringen Mengen verfügbar. Es stammt von einer kleinen, familienbetriebenen Gerberei die bereits 1875 gegründet wurde und heute bereits in der 5. Generation betrieben wird. Die dort angewendete, traditionelle Art zu Gerben ist mit einer Dauer von mindestens acht Wochen deutlich aufwendiger als es heute in der Industrie üblich ist. Aber Qualität und Optik sprechen für sich und ist bis heute fast unerreicht.

Unter all den schönen Produkten die Sylvia und Daniel erschaffen, haben mir zwei ganz besonders gefallen. Zum einen die Decke im Military Design die, wie könnte es auch anders sein, aufwendig auf speziellen (Jarquard-) Webstühlen hergestellt wird um diese besondere Musterung zu erhalten. Wenn man sich die Decke anschaut träumt man unweigerlich davon, bei Sonnenuntergang einfach rechts ranzufahren, den Highway hinter sich zu lassen, von seinem Bike abzusteigen und ein Lagerfeuer für die Nacht anzuzünden– sozusagen der wollene Traum von Freiheit. Das Highlight waren für uns als absolute Fans alter Porsche Sportwägen aber die, ebenfalls aus feinstem Leder hergestellten, Untersetzer im Fuchsfelgen-Design. So lässt sich das Craftbier stilecht genießen und nebenbei von einem alten 911er träumen – vielleicht reicht es ja irgendwann wenigstens mal für einen 912er. Grandiose Idee!!!

Auf dem Album ist nun der letzte Song angebrochen und die Platte klingt mit einem akustischen Stück langsam aus. Ich hoffe wenigstens halbwegs der bewundernswerten Arbeit gerecht geworden zu sein und wünsche den beiden weiterhin so viel bemerkenswerten Mut und Leidenschaft für ihre Arbeit.

Auf Bald!