Könnt ihr euch noch an die Zeit erinnern, in der eure Uhr nur eine Funktion hatte, mit einer Batterie gefühlt ein Leben lang überlebte und in der ihr noch lieber mit Menschen als mit ihr gesprochen habt? Gönnt eurem Handgelenk ’ne Pause, denn Cheesy präsentiert warmes Holz in Zeiten von kaltem Beton und eisigem Metall. Also schickt eure Apple Watch zurück, ruft eure Freunde von damals an und dann ab an den Tresen für Minimum 3 kühle Blonde….aber erst nach der folgenden Lektüre. 

Gegossen aus Metall? Geformt mit Beton? Warum nicht einfach Holz? Es ist warm, fühlt sich gut an und erinnert uns in einer hektischen Welt an die Ruhe der Wälder. Vor ein paar Jahren noch ein Exot, tummelt sich Cheesy heute auf einem breiten Markt für Accessoires aus Holz – Ringe, Ketten, Ohrringe, Brillen und eben Uhren. Wir haben uns mit Jan vom Accessoires Startup Cheesy über Holz, Globalisierung und Design inspired by „Einfach-Mal-Machen“ unterhalten.

Der Real-Life Michel aus Lönneberga

Jan ist 27 Jahre alt, bastelt gerade fleißig an der Masterarbeit und verbringt seine Zeit bei einem weltbekannten Automobilhersteller. Klingt bis dato nicht spektakulär, aber wenn man seine Werkstatt sieht und von allen Seiten von Sonnenbrillen, Uhren und Accessoires angestrahlt wird, bekommt spätestens der Letzte mit, dass hier mehr geht als Reihenhaus und Firmenwagen. Jan ist Gründer mit Ideen und Arsch in der Hose ohne dabei gezwungen auf mächtig hipp zu machen. „Ich habe viel mit CAD gearbeitet und den damit den internen Designprozess betreut, was sich mit Cheesy sehr gut ergänzt hat. Dadurch konnte ich 3D-Modelle erstellen, die man später dann für eine Produktion zwingend benötigt.“

Wie kommt man eigentlich als Ingenieur darauf sein eigenes Label zu starten? Darf man das überhaupt?

Die Geschichte klingt wie eine Mischung aus Inspector Gadget, McGyver und Michel aus Lönneberga. Es war ein kalter Tag in einer Hütte irgendwo in Kanada. Jan war eingeschneit und musste sich irgendwie beschäftigen. Also setzte er sich dort an die Werkbank, schnappte sich eine handvoll Holz und spielte mit Säge, Fräse und Drechsel. Am Ende hielt er den ersten Prototyp in der Hand. Dieser lag dann noch ein paar Jahre in seiner Schublade bis Jan das Projekt wiederbelebt hat und aus einer Idee Realität wurde.

Große Ideen brauchen keine großen Investitionen

Wer Ideen hat, braucht nicht zwangsläufig die großen Investitionen, um diese zum Leben zu erwecken. Bootstrapping nennt das der geneigte Startup-Yuppie von heute und meint damit die Unabhängigkeit von externen Investoren. Vielmehr geht es beim Bootstrapping um den schnellen und günstigen Einstieg in das Geschäftsfeld. Im Fall von Jan hieß das Uhren bauen, verkaufen, mit dem Gewinn neue Uhren bauen und wieder verkaufen. Und diesen Zyklus solange durchziehen bis ein Unternehmen entstanden ist. Berühmte, aktuelle Vorbilder dieser Methode sind z.B. GoPro, GitHub und TechCrunch aus dem Tech-Sektor und unzählige kleine Craft-Labels, wie eben Cheesy.

8484_1684875025104601_5893733258601065875_nCraft made by Passion and Eigenkapital

Wenn man Jan auf das Thema Bootstrapping anspricht, fängt er an zu grinsen und man merkt ihm an, dass das genau seine Methode ist. Langsamer wachsen und stets der eigene Chef bleiben. Selber entscheiden, welche neue Designs man testen möchte, welche Events man mit starten will oder wie man Marketing macht. Jan ist ein Chamäleon und probiert gerne neue Sachen aus. „Das wäre mit einem Investor so nicht möglich. Denn nicht jedes Design ist extrem rentabel und manchmal baue ich Modelle nur, weil ich sehen möchte wie diese funktionieren.“

Aus seinem Kerngeschäft mit Uhren aus Holz wurde so über die Zeit ein Portfolio mit verschiedensten Accessoires, wie Sonnenbrillen (übrigens mit sehr intelligentem Glaswechselmechanismus) oder Handyhüllen. Und aus den Kontakten, die er über die Zeit geknüpft hat, wurden neue Potenziale erweckt und direkt umgesetzt.

Plattform statt Backform

So geschehen in diesem Jahr mit der Stylekantine. Denn nicht nur Jan und sein Holz, sondern viele weitere Designer, Blogger und Fashioninteressierte fanden den Weg in die Mensa der Universität Stuttgart, um individuelle Designs zu ergattern und kleine Labels zu feiern. Jan hatte diesen Design-Blogger-Fashion-Markt mit einem Freund, ebenfalls Designer, hochgezogen. „In Stuttgart gibt es bestehende Events in dieser Richtung, aber wir wollten dem ganzen einen neuen Charakter geben. Einfach etwas anderes.“

50 Aussteller aus den Bereichen Fashion | Design | Accessoires | Sport und etliche Blogger waren am Start und belebten einen Ort, an dem sonst Plastiktabletts mit günstigem Essen befüllt werden, zu neuem Leben. Das Credo der Stylekantine liegt dabei neben Style, Individualität und Design, vorallem auf Nachhaltigkeit und fairen Arbeitsbedingungen.

Global Player mit Kaputzenpulli

„Die Qualität war einfach besser und gleichzeitig achte ich sehr stark darauf, dass die Arbeitsbedingungen fair sind. Ich hatte verschiedenste Produktionen in Deutschland und im Ausland getestet und musste mir eingestehen, dass Qualität, Service und Arbeitsbedingungen in China am Besten waren.“ Die Globalisierung hat viele Schattenseiten und wird sehr oft für höhere Margen bei viel schlechteren Arbeitsbedingungen genutzt. Jan geht da einen anderen Weg und beweist, dass Qualität, Wirtschaftlichkeit und Fairness gleichzeitig machbar sind. Seine Produktion liegt im Ausland und das Design kommt aus seiner Werkstatt in der Nähe von Stuttgart.

„Ich bin nach China gereist und habe mir verschiedene Betriebe angeschaut und mich relativ schnell für meinen Lieferanten entschieden. Am Anfang war ich zwar etwas skeptisch und hatte vor der ersten Lieferung Bedenken, dass das was ich als Vorlage gesendet habe, so umgesetzt, in hoher Qualität, geliefert wird. Doch als ich das Paket öffnete war ich begeistert.“

Wer hat an der Uhr gedreht…

Jan ist ein Bastler und kommt dadurch immer wieder auf neue Ideen. Seine aktuellste ist ein Ziffernblatt auf einer Schieferplatte. Was er als nächstes macht, weiß er noch nicht und lacht bei der Frage, ob Holz nur der Anfang ist. „Ich denke Holz ist ein sehr schönes, warmes Material aus dem man viel machen kann. Aber es gibt noch viele spannende Projekte, die mir im Kopf herumspuken. Ich produziere ja heute schon Kunststoffbrillen und möchte in Zukunft noch weitere Dinge ausprobieren.“

Jeder kennt das Gefühl: Als Kind wolltest du immer schnell erwachsen werden und heute wünschst du dir nichts mehr als deine Kindheit zurück. Du kannst diese bewahren, indem du wieder mehr entdeckst, mehr mit deinen eigenen Händen erschaffst und mit den Menschen da draußen teilst. Aber genug mit Glückskekssprüchen für heute. Es wartet meine Carrera-Bahn und eine große Tasse heißer Kakao.

ÜBRIGENS: Ihr bekommt die Kollektion von Cheesy im Netz und bei ausgewählten Einzelhändlern.

 

Das Interview führte Pascal

Photo Credits: Cheesy