Es ist ein sonniger und angenehm warmer Sommertag als wir Charlotte und Lukas auf dem Hopfengut No.20 im beschaulichen Tettnang besuchen. Wir werden sehr nett empfangen und sind erstmal ziemlich erstaunt, was es hier alles zu sehen und erleben gibt. Denn das Hopfengut vereint Brauerei, Museum, Ladenbetrieb, Gaststätte und vor allem Hopfenanbaubetrieb in einem. Auch wenn dem ein oder anderen eher das wohlschmeckende und toll designte Craftbier bekannt sein dürfte, in erster Linie ist das Hopfengut No.20 ein Hopfenanbaubetrieb. Auf insgesamt 44 Hektar wird hier bereits in der 4. Generation Hopfen angebaut und in den weltweiten Markt verkauft. Vor bereits über 20 Jahren haben Charlotte’s und Lukas’ Eltern ein Museum in den modernen Hopfenanbau integriert und damit begonnen alles erlebbar zu machen und den Weg ihrer Sprösslinge vorzuzeichen.

Vor 4 Jahren haben dann schließlich die Beiden den Betrieb übernommen und das Konzept konsequent weitergedacht. Allem wurde eine optische Verjüngungskur verpasst und ein Ladengeschäft sowie eine Gaststätte eröffnet. Was aber schnell daher gesagt ist und danach klingt, ein paar Logos und Briefköpfe auszutauschen ist eine echte Herkulesaufgabe, die viel Geduld und Ausdauer erfordert. Bis alles stimmig zueinander passt und jedes Bild, jeder Flyer und jedes Hinweisschild in der Region auf „neu“ getrimmt ist vergeht einiges an Zeit. Doch der Aufwand hat sich mehr als gelohnt! Nicht nur, dass alle Räumlichkeiten und Produkte grandios aussehen und super aufeinander abgestimmt sind. Der Aufwand wurde auch in Form des 2016 gewonnenen German Design Awards entsprechend gewürdigt.

Vor rund 3 Jahren wurde passend zum Ladengeschäft und der Gaststätte auch eine kleine Brauerei integriert. Meister der Kessel ist hier der gelernte Brauer Fritz Tauscher, der ebenfalls Braumeister der bekannten Kronenbrauerei in Tettnang ist. Somit schließt sich der Kreis vom Hopfenanbau bis zum fertigen Produkt und ihrem großen Ziel, den Leuten zu erklären was der Hopfen eigentlich im Bier macht, sind Charlotte und Lukas damit schon ziemlich nahegekommen. Warum das ihre selbstauferlegte Mission ist? Hopfen wird außerhalb der Craftbier Szene weiterhin häufig unterschätzt obwohl er im Vergleich zum Wein und der Weintraube eigentlich locker mithalten kann. Bier ist unglaublich komplex und muss sich hinter Wein keineswegs verstecken. Zwar erzählen auch Brauereien genau wie Winzer ihre Geschichten und Hintergründe – da Winzer aber im Gegensatz zu den Brauereien meist ihre eigenen Trauben veredeln geht der Hopfen dabei häufig unter und wird vergessen. Und die Geschichten, die man erzählt, fangen eben schon beim Design und einer ansprechenden Aufmachung an.

Und so gehört für die Beiden auch dazu, dass nicht nur Weinbauern ihr Produkt in einem schicken Kleid präsentieren, sondern auch ein gutes, besonderes Bier wie das ihre, einen entsprechenden Auftritt verdient hat. Und wie es diesen Auftritt verdient hat! Wenn nicht die Biere vom Hopfengut No.20, dann darf Beyonce´ auch nur noch im Blaumann gekleidet in Vorstadt-Sporthallen auftreten.

Denn obwohl die Brauerei eigentlich nicht zum Haupterwerb gedacht ist und die Hauptkunden, ähnlich wie bei vielen Weingütern, hauptsächlich die Besucher des Hopfenguts sind, haben die Beiden zusammen mit ihrem Brauer einige wirkliche tolle Biere kreiert, die sogar je nach Jahrgang etwas unterschiedlich schmecken können. Im Jahr werden „nur“ rund 25.000 Liter des edlen Gerstensaftes produziert und direkt im Haus gebraut. Darunter auch echte Besonderheiten wie die Grünhopfenbiere, bei denen nicht wie üblich getrockneter, sondern erntefrischer Hopfen verarbeitet wird. Eine echte Spezialität, die nur sehr schwer umzusetzen ist und die sehr viele Brauer gerne herstellen würden, dazu aber nicht die Möglichkeiten haben.

Das Sortiment ist über die letzten drei Jahre ordentlich angewachsen und so sind inzwischen neun verschiedene Kreationen erhältlich, die alle nach deutschem Reinheitsgebot gebraut werden. Die drei wohlschmeckenden Klassiker „Sud Eins“, „Black Ale“ und „Lager“ sind ganzjährig verfügbar. Andere Biere, wie die oben erwähnte „Heiße Ernte“, zum Beispiel nur von September bis November und der „Brausteinlegersud“ gar nur im Januar und Dezember. Will man also etwas Besonderes ergattern lohnt es sich vorher auf der Website vorbeizuschauen.

Im Nachhinein betrachtet hatten die beiden nie eine wirkliche Chance dem Hopfen zu entkommen. Bei jedem Mittagessen drehten sich die Gespräche mit den Eltern darum und nicht umsonst heißt es in einem alten Sprichwort: „Wen der Hopfen mal gekratzt hat, den lässt er nicht mehr los“. Und schließlich bietet so ein Hopfengut einem die wundervolle Möglichkeit nicht nur draußen in der Natur zu arbeiten, sondern gleichzeitig auch Unternehmer zu sein und verschiedene Ideen umzusetzen. Kein Wunder also, dass Lukas und Charlotte die Chance gerne ergriffen haben. Beide sind inzwischen Biersommeliers und ergänzen sich mit ihren Aufgaben und Interessen perfekt. Lukas ist mehr für die Finanzen und strategische Themen zuständig und kümmert sich um das „Argrarische“, also den klassischen Hopfenanbaubetrieb. Charlotte hingegen konzentriert sich hauptsächlich auf die Gastronomie und kümmert sich darüber hinaus um die nicht wenigen Gruppen und Führungen.

Und das Interesse an den Führungen ist groß und die Nachfrage danach riesig. Ob Kleintierzüchter oder Vorstand, ob junge Familien mit ihren Kindern oder Firmen mit ihren Mitarbeitern und Kunden – die Besucher der Führungen sind so vielfältig wie die Aromen des Hopfens. So sind an einem Samstag auch schon mal sieben Busse abzufertigen – aber alle sind sie anschließend mit dem Hopfenfieber angesteckt und Charlotte und Lukas ihrem Ziel wieder ein ganzes Stückchen näher. Seit 4. September ist übrigens Hopfenernte und die spannendste Zeit für Besucher. Vier Wochen lange sind alle Türen geöffnet und der Geruch des frischen Hopfens schwebt in allen Räumen.

Ach ja, und wer sich jetzt noch fragt woher der Name Hopfengut No.20 stammt – ganz einfach. Bei eurem anstehenden Besuch, den wir euch nur wärmstens empfehlen können, müsst ihr Hopfengut 20 in 88098 Tettnang in euer Navi eingeben!