Es ist bereits Mitte März als wir Bastian besuchen, doch hier ist es immer noch bitterlich kalt und es liegt noch massig Schnee. Wir stehen in einer alten, umgebauten Scheune in Hengen, einem kleinen Dorf auf der Schwäbischen Alb. Wir schlottern ganz schön und waren auf so viel Kälte gar nicht mehr richtig vorbereitet, aber Bastian scheint das nicht wirklich was auszumachen. Es riecht wundervoll nach Holz und in den Sonnenstrahlen, die durch die Ritzen der alten Scheune blitzen, tanzen Sägespäne durch die Luft. Das Dorf ist ansonsten ziemlich unscheinbar und verschlafen. Man würde hier eigentlich nichts Besonderes vermuten beziehungsweise würden die meisten von uns hier gar nicht erst vorbeikommen, es sei denn sie werden vom Navi fehlgeleitet. Doch in dieser uralten Scheune entstehen großartige Dinge!

Denn Bastian ist gelernter Zimmermann und fertigt in dieser unscheinbaren und echt sau kalten Scheune einzigartige, kleine Holzhäuser – so genannte Tiny Houses. Vermutlich dürfte jedem von uns über 30 noch Peter Lustig’s traumhafter umgebauter Schäferwagen in Erinnerung sein. Das war sozusagen der Prototyp der Tiny Houses in Deutschland und unser Held der Jugend war der Gesellschaft somit Jahrzehnte voraus. Doch auch wenn sie in Deutschland noch nicht jedem bekannt sind, so ist die Tiny House Bewegung, die einst in den USA entstanden ist, längst bei uns angekommen. Zwar sind die gesetzlichen Bestimmungen leider, wie bei so vielem Neuen und Fortschrittlichem, in Deutschland noch recht kompliziert.

Doch inzwischen gibt es auch hierzulande eine große Bewegung, die schnell wächst und die Nachfrage nach Tiny Houses ist jetzt schon enorm. Für die einen ist es lediglich die einzige Möglichkeit sich bei all dem Imobilienwahnsinn und den mittlerweile horrenden Preisen noch ein Eigenheim leisten zu können ohne anschließend für den Rest des Lebens schlecht schlafen zu müssen.

Für die anderen dagegen geht es um weit mehr als das. Es geht um nachhaltiges Wohnen. Für sie ist es gelebter Minimalismus und schonender Umgang mit unseren Ressourcen und damit eine Lebenseinstellung. Schließlich hat man alles was man braucht jedoch mit dem wohltuenden Wissen eben auch nicht viel mehr als notwendig zu besitzen. Hinzu kommt eine bisher unbekannte Mobilität. Da die meisten Häuser auf Anhängern stehen und auf solchen leicht transportiert werden können bleibt man trotz Nestbau weiter flexibel und könnte im Grunde alle paar Jahre oder gar Monate mit seinem Haus weiterziehen. Aber auch als etwas ausgefalleneres Büro oder einfach als Ferienhaus eignen sich die Häuser hervorragend.

Bastian, der seinem Projekt den Namen „Kleiner Nomade“ gab, hat im Frühjahr 2017 damit begonnen Tiny Houses zu fertigen. Zuvor hatte er bereits 10 Jahre in seinem Ausbildungsberuf als Zimmermann gearbeitet und sich schon kurz nach seiner Ausbildung selbständig gemacht. Als er jedoch vor gut zwei Jahren zufällig durch eine Fernsehsendung das erste Mal von Tiny Houses erfahren hat war im sofort klar, „dass ist genau mein Ding, dass will ich machen“! Also hat er gar nicht erst lange überlegt, alles möglich gemacht, die Mittel dafür beschafft und „einfach“ losgelegt. Wie so häufig war es vermutlich auch hier die beste und wichtigste Entscheidung einfach zu machen und nicht erst lange zu überlegen. Das macht das Ergebnis meist nicht besser, verschiebt es nur nach hinten. Das ist aber ein anderes Thema und Bastians Erfolg gibt ihm jedenfalls Recht.

Auch wenn zuerst Fleißarbeit am Reißbrett anstand und Pläne gezeichnet werden mussten, die zu Beginn fast ausnahmslos im Papierkorb landeten. Aber weiter gezeichnet, verworfen und wieder weitergezeichnet. Irgendwann war die Endlosschleife mit dem Papierkorb überwunden und schließlich war das erste Haus nach rund vier Monaten und in etwa 1.000 Arbeitsstunden im Juli 2017 fertiggestellt. Danach fix eine Website erstellt und obwohl in Deutschland die Basis eigentlich noch nicht dafür da ist und immer noch umständlich ein Bauantrag eingebracht und eine offizielle Baugenehmigung vorliegen muss, waren prompt die ersten Anfragen da.

Von da an ging alles super schnell. Denn auch Bastian, der sehr gerne reist und mit seinem Lebensmodell versucht eine gute Balance zwischen Arbeit und Familie zu herzustellen spürt wie eigentlich alle, die wir auf unserem bisherigen Weg getroffen haben, eine klare Veränderung und ein Umdenken in der Gesellschaft. Und daher sind die Häuser vom kleinen Nomaden auch nicht einfach nur tiny und so günstig wie möglich. So manch ein Hersteller nutzt auch hier Materialien, die später nur sehr schwer zu recyceln sind oder verwendet Hölzer, die günstig importiert wurden. Von denen, die ihre Häuser aus Gründen günstiger Lohnkosten im osteuropäischen Ausland produzieren lassen wollen wir erst gar nicht anfangen.

Und dann ist so ein Holzhäuschen, obwohl es definitiv tiny ist, auf einmal gar nicht mehr so nachhaltig und passt überhaupt nicht mehr zur Einstellung und Denkweise derer, die meist so ein Haus erwerben. Aus diesem Grund sind Bastians Häuser komplett ökologisch gefertigt und soweit wie möglich kompostierbar. So gut es geht wird auf die Verwendung von Silikon verzichtet und bis auf die Dämmung stammen die verwendeten Materialien aus der Region. Und wird beim Bau Unterstützung benötigt, beispielsweise durch einen Elektriker, dann kommt dieser konsequent auch aus einem der Nachbardörfer. Bastian’s Häuser haben ca. 23 Quadratmeter Wohnfläche inklusive einer Empore, die zum Schlafen genutzt wird. Unten beträgt die Fläche ca. 16-17 Quadratmeter. Die Häuser passen zwar auf einen Anhänger, bieten aber sämtliche Funktionen wie ein normales großes Haus.

Im Herstellungsprozess wird zuerst das Grundgestell entwickelt und auf dem eigens dafür angefertigten Anhänger aufgebaut. Anschließend wird die Dämmung sowie die Hölzer für die Verschalung geliefert und nachdem die Dämmung und Verschalung angebracht sind folgen Fenster, Türen und zum Schluss das Dach. Den genauen Bauprozess mit vielen weiteren Informationen findet ihr auch auf der Website aufgelistet. Überhaupt lohnt es sich hier mal vorbeizuschauen. Nicht nur weil ihr wertvolle Informationen über den Tiny House Bau findet, sondern weil ihr euch auch über die verschiedenen Möglichkeiten der Anschaffung beziehungsweise Fertigung informieren könnt. Denn die Häuser können nun auch in Form eines Bausatzes erworben und seit neuestem auch Transporte organisiert werden.

Inzwischen hat sich Bastian mit Immanuel auch einen weiteren erfahrenen Zimmerer ins Boot geholt, der ihn bei der Fertigung unterstützt. Und er hat noch so einige spannende Ideen in petto! Zukünftig soll es beispielsweise die Möglichkeit geben, dank eines innovativen Speichermediums mit den Häusern deutlich autarker zu leben. Aber auch mehr mit Lehm oder größeren Glasflächen zu arbeiten sind zwei Richtungen, in die es gehen könnte. Wir jedenfalls haben wieder einmal jemanden getroffen, der etwas anpackt. Der ein mutiges und inspirierendes Leben führt und wir sind gespannt, was sich in den nächsten Monaten noch alles bei ihm tut und verfolgen die Entwicklung wirklich mit großem Interesse und freuen uns auf all dass, was da noch kommt.

P.s.: Sein erstes Haus dient übrigens als Mustertiny und steht auf der wunderschönen Ferienanlage „Hofgut Hopfenburg“ auf der Schwäbischen Alb wo es auch gemietet und sozusagen Probegewohnt werden kann. Besichtigungen solltet ihr aber bitte mit Bastian absprechen oder das Haus direkt über die Ferienanlage buchen. Also nicht einfach auf eigene Faust dort vorbeischauen und das Haus besichtigen, auch wenn die Versuchung wirklich groß ist.